Das Neunaugen-Prinzip

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Flussneunauge
Flussneunauge (Lampetra fluviatilis) Quelle: Dr. Bernd Stemmer | fischfauna-online.de

 

 

Ein Fisch mit neun Augen, der gar kein Fisch ist und eigentlich auch nur zwei Augen hat besiedelt das Flussgebietssystem Hache, Ochtum und Varreler Bäke. Aber auch im Hachetal finden sich Vertreter der Neunaugen.

Rundmäuler
Das Maul das Bachneunauges Bild: Clemens Ratschan | fischfauna-online.de

Ein lebendes Fossil
Die Neunaugen sind lebende Fossilien, schon vor 500 Millionen Jahren schwammen die aalähnlichen Tiere in den Flüssen und Meeren und sind seitdem unverändert. Ihr Äußeres ähnelt einem Fisch, auch Kiemen verstecken sich hinter den wie Augen wirkenden Öffnungen. Doch das Maul deutet eindeutig auf eine andere Lebensweise hin. Es ist kieferlos, rundlich und mit Hornzähnen bestückt. Damit saugen sich bspw. Meer- und Flussneunaugen (Petromyzon marinus & Lampetera fluviatilis)  als Erwachsene an Fischen fest, raspeln die Schuppen ab und ernähren sich von deren Blut.

Larven mögen es eher ruhig

Querder
Querder des Bachneunauges Bild: Dr. Bernd Stemmer | fischfauna-online.de

Die Larven der Neunaugen verhalten sich dagegen anders. Sie graben sich im Kies ein und verharren dort je nach Art drei bis acht Jahre. Nur ihr Kopf ragt heraus und filtert über einen Kiemendarm Plankton aus dem Wasser. Die augenlosen sogenannten Querder wandeln zum Ende der Larvalphase in einer mehrwöchigen Methamorphose den Kiemendarm in Kiemen um und die Mäuler bekommen die charakteristischen Hornzähne. Die Meer- und Flussneunaugen wandern nach der Metamorphose im Herbst den Fluss hinab in Richtung Meer, wo sie dann für einige Jahre als Fischparasit leben.

Zum Laichen und Sterben ziehen die Neunaugen den Fluss hinauf
Nachdem Meer- und Flussneunauge einige Jahre im Meer verbracht haben, wandern sie im Frühjahr zurück in die Flüsse. Hier stellen auch sie die Nahrungsaufnahme komplett ein, bilden ihren Darm zurück und widmen sich der Fortpflanzung.
Nach der Paarung werden die Eier im Juni und Juli bei allen Arten der Neunaugen in ein Kiesbett gelegt, welches von kühlen, sauberen Wasser umströmt wird. Nach der Eiablage sterben die erwachsenen Rundmäuler.

Strukturreiche & saubere Flüsse als Lebensraum

In unseren Flüssen brauchen die Neunaugen also Kiesbänke, die von sauerstoffreichem Wasser stark überströmt werden, sowie Feinsedimentbänke in relativ ruhigen Gewässerabschnitten für die Larven. Auch Sandfänge

Flussneunauge
Flussneunauge von Tiit Hunt | wikimedia

werden von Querdern genutzt. Das Meerneunauge benötigt zudem große Steine, an die sich die Tiere während des Laichgeschäftes heften können. Die Fließgeschwindigkeit sollte zumindest so hoch sein, dass das Gewässer auch im Sommer kühl ist. Während der Wanderung sollte kein unüberwindbares Hindernis im Weg sein.

Gefahren für die Neunaugen
Die Lebensräume der Neunaugen sind in der heutigen Landschaft selten geworden. Unüberwindbare Querbauwerke behindern vielerorts die stromaufwärtsgerichtete Wanderung der Neunaugen zu ihren Laichplätzen. An Wasserkraftanlagen mit fehlenden Fischschutzeinrichtungen können abwandernde subadulte (fast erwachsene) Neunaugen geschädigt werden.
Die Struktur unter dem Wasser kann durch den Ausbau und die Sohlräumung der Fließgewässer gestört werden. Die Laichareale und die Lebensräume der Querder werden durch die Veränderung der natürlichen Geschiebedynamik, starke Sandfrachten und Feinsedimenteinträge gefährdet.

Neunaugen im Norden des Landkreises Diepholz
Im FFH-Gebiet „Untere Delme, Hache, Ochtum und Varreler Bäke“, für das demnächst das öffentliche Verfahren zur hoheitlichen Sicherung als Landschaftsschutzgebiet ansteht, ist das Neunauge eine zentrale Art. Vor allen Dingen die Repräsentanz der wandernden Arten Meer- und Flussneunauge soll in unseren Breitengraden verbessert werden. Desweiteren sind der Steinbeisser und das Fließgewässer mit flutender Wasservegetation schützenswert.

Mehr zum FFH-Gebiet finden Sie hier: „Untere Delme, Hache, Ochtum und Varreler Bäke“,

Ein Flyer des NLWKN verrät mehr zum Flussneunauge

Bachneunauge
Bachneunauge Lampetra Planeri Bild: Clemens Ratschan | fischfauna-online.de

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